Schmeckt’s?

„Mir schmeckt dieses vegane Zeug nicht.“ – „Ich rühr‘ diesen veganen Dreck nicht an.“ – „Warum müsst ihr immer ’normales‘ Essen nachmachen?“

Seien wir doch mal ehrlich: Das sind einfach nur ganz billige, ganz faule Ausreden, denn immerhin geht es dabei für andere sentiente Wesen um Leben und Tod und das ist dann doch wohl ein winzig kleines bisschen schwerwiegender als Geschmackserlebnisse. Da muss als Einwand schon etwas mehr kommen, etwas Substanzielleres, als ein kindlich-trotzig anmutendes „I kenn des ned, drum mog i’s ned“. Außerdem offenbaren sich da Vorurteile, der Unwille, die eigenen vorgefassten Meinungen zu überprüfen und nicht zuletzt geradezu atemberaubendes Unwissen.

Quelle: https://pfaf.org/user/edibleuses.aspx

Eins unserer Hauptnahrungsmittel, nämlich Brot, wird ganz überwiegend vegan zubereitet. Nach dem Reinheitsgebot gebrautes Bier läuft dann wohl unter „veganer Dreck“ und die Form von Patties, Würsten und Braten hat sich halt mal bewährt im Laufe der Jahrhunderttausende.

OK. Das war zu einfach. Natürlich reden die Leute nicht von sowas Alltäglichem, sondern von Käse aus Nüssen, Milch aus Bohnen und fertig zu kaufenden Bratenstücken aus Lupinen, Tofu oder Seitan. Manches davon schmeckt tatsächlich erst einmal ungewohnt, aber oft trotzdem gut bis sehr gut, und manchmal fehlt die erwartete Konsistenz.

Na und?

Glaubt wirklich jemand, dass das Wissen, wie Muttermilch zu Käse und Joghurt gemacht wird, über Nacht vom Himmel gefallen ist? Da wurde experimentiert, da gab es im Laufe der Jahrhunderte mit Sicherheit mehr Fehlschläge als gelungene Kompositionen und nicht selten dürften die vergorenen, bakteriell umgearbeiteten und fermentierten neuen Erfindungen auch mal Verdauungsbeschwerden oder gar Vergiftungen hervorgerufen haben. Es war mit Sicherheit ein langer Prozess, herauszufinden, wie totes Muskelgewebe, Innereien und dergleichen eßbar, verdaubar und schmackhaft gemacht werden können. Auch da musste viel experimentiert werden, auch da werden nicht alle Experimente sofort ein Hochgenuß gewesen sein.

Und jetzt möchten Veganer*innen einfach nur vertraute und lieb gewonnene Geschmackserlebnisse auf neue Weise nachempfinden. Was soll daran auszusetzen sein? Es ist doch nur menschlich, in der Küche auf Abenteuerreise zu gehen und immer wieder neue Rezepte zu erfinden, neue Kompositionen zusammen zu stellen, neue Leckereien zu erfinden. Mir gefällt das, ich finde das hoch spannend und teste neue vegane Produkte mit Begeisterung. Die meisten sind außerordentlich lecker und was ich nicht mag, muss ich ja nicht essen. Mir kann kein Mensch erzählen, dass alle Nichtveganer*innen jedes aber auch jedes Gericht, das tierliche Produkte enthält, unheimlich gut finden und alles auch immer gleich gut finden. Ich sage nur: Haggis, Kutteln, Zunge, Saumagen, Casu Marzu, Limburger. Davor ekeln sich auch viele Nichtveganer*innen. Früher, als ich noch Fleisch aß, hatte ich beim versehentlichen Biß auf eine Sehne oder einen Knorpel mit spontanem Würgereiz zu kämpfen. Das fehlt mir so überhaupt gar nicht.

Veganer*innen wollen nur eins: Möglichst kein anderes Tier als Ressource verwenden. Weil ihnen damit Leid und Tod zugefügt wird und weil das nach besten Kräften vermieden werden soll.

Auch Veganer*innen haben das Recht auf leckere Nahrung, haben das Recht, in der Küche zu experimentieren und sich ideenreich und lustvoll schmackhaftes Essen zuzubereiten. Wenn es ähnlich wie unvegane Speisen oder gar genauso aussieht, na und? Wichtig ist erstmal nur, dass dafür möglichst keine anderen sentienten Tiere zu Schaden kommen und dass es schmeckt. Das erste ist für Veganer*innen nicht verhandelbar, das zweite ist entdeckbar und das macht Spaß. Mir jedenfalls schmeckt das, was bisher entdeckt, wiederentdeckt oder neu erfunden wurde, meistens gut, manchmal fast etwas zu gut – das Hüftgold lässt grüssen – und ich bin einfach unheimlich gespannt, was da noch alles in der Zukunft erfunden und komponiert wird. Eine tolle Entdeckungsreise!

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Turbotiere I – die Eierlegerinnen

Die Menschheit hat bei Tieren spezialisierte Rassen für die verschiedensten Zwecke gezüchtet, so auch bei Hühnern. Da gibt es welche, die sehr schnell wachsen und bei denen insbesondere die Brustmuskulatur abnorm ausgeprägt ist, und dann gibt es welche, die legen einfach nur unheimlich viele Eier. Um die letzteren geht es hier.

Die Urform der heutigen domestizierten Hühnerrassen ist das Bankiva-Huhn. Bankiva-Hühner kommen in Südostasien vor und leben in Herden zwischen 16 und 40 Tieren (alles darüber dürfte von diesen Tieren als Massenhaltung empfunden werden). Sie ziehen es vor, Abstand voneinander zu halten. Gedränge ist ihnen wohl eher unangenehm. Ich fühle da durchaus mit ihnen. Wie Legehennen in Deutschland gehalten werden dürfen, kannst du hier beim BMEL nachlesen.

Bankivahühner brüten ein- bis zweimal pro Jahr. Die Gelege bestehen meist aus fünf bis sechs, seltener vier bis zwölf Eiern, die etwa 45 bis 49 × 36 mm (Länge x Durchmesser) groß sind. Diese Eier sind deutlich kleiner als diejenigen der domestizierten und durch Zucht veränderten Legehennen. Die Wildform der Hühner legt also zwischen 8 und 24 Eier pro Jahr, im Gegensatz zur domestizierten Legevariante, die bis zu 320 Eier pro Jahr legt (oder besser: legen muss, da ihr Körper genau daraufhin gezüchtet wurde).

Wenn wir sehr konservativ rechnen, also ca. 300 Eier im Gegensatz zu etwa 20 Eiern pro Jahr, dann legen die domestizierten Hühner also das 15-fache dessen, was als normal gelten kann.

Dass sich das körperlich bemerkbar macht, selbst bei bester Ernährung und Pflege, ist leicht vorstellbar. Eier bestehen ja aus einer ganzen Menge Stoffe, darunter natürlich viel Eiweiß und sehr viel Calcium in der Schale. Wenn es dem Huhn nicht gelingt, genug davon mit der Nahrung aufzunehmen, dann ist der Körper quasi gezwungen, sich selbst zu verzehren, um dieses Wahnsinnspensum zu schaffen.

Stellen wir uns doch einfach mal vor, wie es uns Menschenfrauen erginge, wenn jede Ovulation ein Baby erzeugte, das rasant heranwächst und wir etwa alle 25 Tage ein King-Size Kind von 5 und mehr kg zur Welt bringen müssten. Wie groß wäre wohl die Belastung für den Körper und könnte frau überhaupt mit Essen allein genügend Nährstoffe aufnehmen, selbst wenn es Spezialnahrung wäre? Wie viele Jahre könnten wir wohl so durchstehen, bis wir körperlich und seelisch am Ende wären?

So ähnlich dürfte es Hühnern gehen. Ihre Körper sind darauf gezüchtet, andauernd Eier zu erzeugen. Nahezu täglich quälen sich ihre Körperchen durch die Geburt eines Eis. Die Fortpflanzungsorgane erleiden Schäden, häufig sammelt sich Eimaterial im Körper an, das sich nicht selten entzündet, es kann zu Legenot und Legedarmvorfällen kommen und Ovarial-Krebs tritt bei diesen Rassen überdurchschnittlich oft auf. Medizinische Behandlung wird ihnen in den industrialisierten Großanlangen eher selten bis gar nicht zuteil.  Wie soll das auch gehen, wenn in so einem Stall mehrere tausend „frei“ laufende Hühner sind? Glaubt wirklich auch nur ein Mensch, dass diese „Landwirte“ regelmäßig jedes einzelne Tier auf solche Erkrankungen untersuchen? Entweder sterben sie von alleine, oder sie landen im Schlachthof wenn ihr Körper nicht mehr genug hergibt.

In Lebenshöfen bekommen die Überlebenden der Eierindustrie daher, wenn es möglich ist, eine Hormonbehandlung, die die Eierproduktion unterdrückt, aber so etwas ist nicht ohne und kann Nebenwirkungen haben. Selbst wenn sie aus den Legeanlagen gerettet werden konnten, können sie dennoch nicht aus dem schlimmsten Gefängnis befreit werden, nämlich ihren eigenen Körpern.

Deshalb sind auch die Eier der scheinbar so glücklich draußen herumscharrenden Hühner vom Hinterhof oder dem vielzitierten „Bauern von Nebenan“ letztlich nichts weiter als Tierqualprodukte. Ich halte diese Züchtungen für Qualzüchtungen. Würde uns Menschenfrauen eine derart abartige Reproduktionsrate aufgezwungen, würden wir es mit Sicherheit auch eine Qual nennen.

Gerade Frauen sollten also am Besten verstehen, dass die totale Ausbeutung der weiblichen Fortpflanzungsorgane, die ja die Grundlage dieser sogenannten Landwirtschaft ist, als völlig inakzeptabel angesehen werden muss. Gerade Frauen sollten jegliche tierliche Produkte ablehnen. Einfach aus Solidarität mit ihren leidenden tierlichen Schwestern.

Sag mal…

Foto: Jo-Anne McArthur, We Animals

… du bist doch offenbar ein verständiger Mensch.

Glaubst du wirklich, dass ein Schwein nicht an seinem Leben hängt? Oder all die anderen Tiere?

Nicht ernsthaft, oder?

Zieh die logische Konsequenz: Leb vegan.

Witzl macht. Haha.

Kennst du das?

Du stehst an der Haltestelle und wartest auf den Bus, da fangen die Typen schräg hinter dir an, alte, fade, abgeschmackte Zoten zu reißen. Natürlich so, dass du’s mitkriegst. Am Klang ihrer Stimmen hörst du, wie sie einander zufeixend sich gegenseitig ihrer „Männlichkeit“ vergewissern. Bisschen Sexismus gefällig? Höhö. Geht immer. Höhö. Die da drüben soll sich nicht so haben. Versteht wohl keinen Spaß.

Innerlich verdrehst du die Augen gen Himmel. ‚Och nö‘, denkst du dir, ‚könnt ihr dummen, langweiligen Säcke uns Frauen echt nirgendwo mit euren unlustigen Vergewaltigungswitzen in Frieden lassen? Die werden auch in der 1000sten Wiederholung nicht komisch.‘ Aber es lohnt nicht, die Deppen zur Rede zu stellen. In der Gruppe schon gar nicht. Da fühlen sie sich stark. Lass gut sein. Es bleibt beim Augenverdrehen.

Dann kommt dir die eine der Stimmen bekannt vor. Du drehst dich um und erkennst tatsächlich einen Bekannten. Einen, den du bisher eigentlich für intelligent gehalten hast. Dem du zugetraut hast, dass er nachdenkt, bevor er das Maul aufmacht, und dass er sich nicht so einfach simplem Gruppendruck beugen würde. Tja. Schade. So kann mensch sich täuschen. Es gibt eben Themen, da machen sich sogar sonst angenehme, geschätzte Leute zu Vollpfosten. So schnell können Respekt und Sympathie den Bach runtergehen.

Kennst du das?

Na, dann verstehst du jetzt, wie es mir geht, wenn ich zum x-ten Mal dieselben dämlichen, langweiligen, tausendfach gehörten „Witzchen“ über Veganismus und Veganer*innen mitkriege. Wer an die Opfer denkt, kann das nicht lustig finden. Wer ihre Todesangst im Schlachthof gesehen hat, ihr vergebliches Rufen nach ihren gestohlenen Kindern gehört hat, kann darüber genauso herzhaft lachen wie Therapeut*innnen über die Tränen vergewaltigter Frauen. Nämlich gar nicht. Ist einfach nicht lustig. Das einzige, was durch solche faden, abgeschmackten Witzchen erreicht wird, ist, dass du umgehend jeglichen Respekt vor den Menschen verlierst, die mithilfe von Veganer-Witzchen auf billigste, aber todsichere Weise schenkelklopfende Zustimmung bei ihren Kumpels erheischen.

Es ist euch nicht klar, aber ihr „provoziert“ nicht. Ihr langweilt nur und entlarvt eure Abhängigkeit von der Zustimmung anderer. Genau wie Zoten reißende Hirnis, die sich gegenseitig ihr Männlichkeit zu versichern suchen, so versichert ihr euch gegenseitig eurer „Normalität“. Selbstredend seid ihr dabei in eurer vorhersehbaren, unoriginellen Einfallslosigkeit alle total individuell. Eh, klar.

Ach, komm. So billig. So ein Bart.

Warum denn gleich vegan?

Ist das nicht ein bisschen extrem?

Vegetarisch kann ich ja noch verstehen, aber vegaaaan?

Tja. Gute Fragen. Verständlich. Besonders in unserer Welt, in der die Nutzbarmachung nichtmenschlicher Tiere so verbreitet und so verinnerlicht ist, dass sie gar nicht mehr richtig wahrgenommen wird.

Wie kam es also dazu?

Bei einem Spaziergang unterhielt ich mich mit einem Bekannten, der erzählte, in einer Zeitung sei von Fehlern bei der sogenannten Betäubung im Schlachthof berichtet worden und dass eine nicht unbeträchtliche Zahl von Tieren ihre Weiterverarbeitung bei Bewusstsein durchleben müsse. Ich war sprachlos. Entsetzt. Er hat dann schnell das Thema gewechselt.

Zunächst konnte ich das nicht glauben. Wollte es nicht glauben. Es war doch alles gesetzlich geregelt, oder? Immerhin haben wir sogar ein Tierschutzgesetz. Da gibt es doch Aufsichtspersonal, nicht wahr? Doch noch während ich dies dachte, war mir klar, dass es wahr sein musste. Wo Menschen arbeiten, machen sie ab und zu Fehler und je schneller sie arbeiten müssen, desto mehr Fehler passieren. Wenn Fleisch als preiswertes und sogar billiges Konsumprodukt zur Verfügung stehen soll, muss es nicht nur schnell, sondern verdammt schnell gehen. Ich begann zu recherchieren. Die Nacht vom 10. auf den 11. Mai 2010 war eine Nacht des Grauens. Ich fand deutlich mehr heraus, als ich zu diesem Zeitpunkt verkraften konnte, sah mehr, als ich jemals sehen wollte und sich mir leider für immer eingebrannt hat. Am Morgen des 11. Mai war mir klar, dass ich nicht nur vegan leben wollte, sondern musste.

Dieser Entschluss war eine Impulsreaktion, eine reine Bauchentscheidung, wie es oft genannt wird. Ich war tränenüberströmt und zutiefst schockiert. Anfangs bestand mein Veganismus nur aus Mitgefühl und Wut. Mein Schlachtruf war damals und ist es bis heute geblieben: „Die bekommen mein Geld nicht mehr!“

Dann wurde mir immer öfter vorgeworfen, ich sei zu emotional, könne nicht klar denken, vermenschliche die Tiere, sei mithin nicht ernst zu nehmen. Also begann ich zu lesen und lernte mehr über die Tierrechtsbewegung. Tom Regan, Gary Francione, Hilal Sezgin. Ein paar Mal habe ich mich verirrt, Seiten und Überzeugungen gut gefunden, die ich heute komplett ablehne, aber das gehört wohl auch dazu. Menschen sind fehlbar. Mittlerweile habe ich mir zusätzlich zum rein gefühlsmäßigen Grund auch eine verstandesmäßiges Motivation angeeignet.

Eine Zeitlang argumentierte ich nur noch auf dieser verstandesmäßigen Ebene, wollte nicht als subjektiv und unsachlich erscheinen. Doch inzwischen bin ich der Meinung, dass tatsächlich beides dazu gehört. Gefühl und Verstand.

Aber warum nicht vegetarisch?

Eigentlich ganz einfach: Weil ich inzwischen weiß, welche Praktiken notwendig sind, damit Milchprodukte und Eier auf den Tisch kommen und ich diese Praktiken aus tiefer Überzeugung ablehne. Diese Ablehnung hat eine emotionale und eine rationale Komponente.

Ich habe Mitgefühl mit Müttern, die sich durch eine Geburt quälen und dann ihr Kind nicht behalten dürfen. Ich habe Mitgefühl mit Kindern, die sich vergeblich nach der Wärme und dem Schutz ihrer Mutter sehnen. Ich habe Mitgefühl mit Hühnern, die nahezu täglich ein Ei legen müssen, was auch für sie mit Schmerzen verbunden ist und ihre Körper in kurzer Zeit ausmergelt. Ich habe Mitgefühl mit den Brüdern und Eltern der Eierlegehühner und der als Milchmaschinen missbrauchten Wesen. Ich habe Mitgefühl mit diesen Wesen, die vom ersten bis zum letzten Atemzug nur als Produkte oder Produktionseinheiten gesehen werden, die sich bezahlt machen müssen. Ich finde das ungerecht. Beschämend. Empörend.

Rational sehe ich empfindungsfähige Wesen, die ihre Umwelt bewusst wahrnehmen, die eigene Interessen und Bedürfnisse haben, die jedoch den eigennützigen Zwecken einer anderen Spezies komplett unterworfen werden. Ich sehe Lebewesen, die meiner Meinung nach ein moralisches Recht auf ihren Körper und ihr Leben haben, ganz einfach deswegen, weil es ihre Körper und ihre Leben sind, nicht unsere. So, wie mein Körper nicht dir gehört, und dein Körper nicht mir, so gehören ihre Körper nicht uns. Ich sehe, dass die menschliche Spezies ihre trivialen, also nicht lebensnotwendigen, Wünsche über die existenziellen, also die Existenz sichernden, Interessen anderer stellt. Nicht etwa aus Notwendigkeit, sondern nur deswegen, weil sie es kann. Die totale Unterwerfung Wehrloser unter die Macht des Stärkeren. Das verträgt sich nicht mit meiner humanistisch begründeten Einstellung, dass gleichrangige Interessen gleich zu berücksichtigen sind. Die wichtigeren, also die existenziellen Interessen, sollten gegenüber weniger wichtigen,  auch anderweitig erfüllbaren Wünschen immer Vorrang haben.

Mir kommt das wie eine Religion vor

Das liegt wahrscheinlich daran, dass es sich beim Veganismus, ähnlich wie bei einer Religion, um eine sinn- und identitätsstiftende Weltanschauung, eine Lebensphilosophie, handelt.

Ich teile mein Leben tatsächlich in ein Davor und ein Danach ein. Vorher war ich unwissend, jetzt weiß ich mehr als mir lieb ist. Vorher habe ich mich nichtsahnend (oder vielleicht besser: nichts ahnen wollend) an Tierquälerei beteiligt, nun versuche ich das, soweit es geht, zu vermeiden, wohl wissend, dass in einer Gesellschaft wie der unseren leider eine vollständige Vermeidung unmöglich ist, was mich manchmal sehr belastet.

Veganer*innen kommen nicht selten daher und hören sich an wie wiedergeborene Christen. Vom Erwachen wird gesprochen, von einer umwälzenden Erkenntnis, vom neuen Leben, der endlich gefundenen Wahrheit. Alles Floskeln, die wir von Kirchen und Sekten kennen. Das alles haben wir auch schon von mild-durchgeistigt lächelnden Menschen gehört, die vermeintlich Gott gefunden haben und ihr Leben, genau wie ich in ein vorher und ein nachher einteilen. Als so groß wird der Bruch zwischen altem und neuem Leben empfunden. Klar, dass da der Verdacht nahe liegt, es handele sich nur um eine weitere Sekte.

Leider fällt mir das mild-durchgeistigte Lächeln oft schwer. Statt dessen bin ich nicht selten beinahe überwältigt von Gefühlen der Trauer, der Scham, des Zorns, der Frustration, die manchmal drohen, mich in innere Aufgabe, Apathie und Zynismus zu stürzen.

Warum Veganismus trotzdem keine Religion ist? Weil es keine Priester*innen gibt, keine steinalten „heiligen“ Bücher, keine Rituale, keine Androhung ewiger Höllenqualen, keine Versprechungen ewigen Friedens und vor allem wird nicht auf ein Leben nach dem Tod geschielt. Es geht im Hier und Jetzt um real leidende Lebewesen, die aus der menschlichen Knechtschaft entlassen werden müssen und zwar schnellstens. Es geht nicht darum, ein höheres Wesen zu besänftigen, um sich dadurch Meriten zu verdienen, es geht um andere, denen dringend geholfen werden muss. Es geht nicht um mein Seelenheil, sondern um das körperliche und seelische Wohlergehen Wehrloser, die sich nicht selbst helfen können.

Bei euch ist alles immer so schwarz-weiß

Veganer*innen teilen manchmal die Welt in Veganer*innen und Nichtveganer*innen ein. In Menschen, die Nutznießer der allgemein üblichen Tierbenutzung sind, entweder als Konsument*innen oder als Produzent*innen, und in solche, die sich weigern, daran teilzuhaben. Ganz genau so, wie religiöse Menschen die Welt in Christen und Nicht-Christen einteilen, oder in Muslime und Nicht-Muslime. Das klingt nach Schwarz-Weiß-Denken, nach unerbittlicher Kompromisslosigkeit, nach Unausgewogenheit, nach Übertreibung, kurz, nach Maßlosigkeit. Und das ist alles immer schlecht, nicht wahr?

Doch ist es das wirklich? Immer? In jeder nur denkbaren Situation? Oder gibt es nicht auch gesellschaftliche Übereinkünfte, die genauso schwarz-weiß und kompromisslos daher kommen?

Ein Satz wie „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ klingt reichlich kompromisslos. Die absolute Verdammung von Mord wirkt ganz schön schwarz-weiß. Das mag daran liegen, dass die Zustände Leben und Nicht-Leben tatsächlich binär, also schwarz-weiß sind. Andere solche binären Zustände sind frei/unfrei, verletzt/unverletzt und so weiter. Wenn es um Situationen geht, in denen ich Stellung zu solchen binären Situationen beziehen muss oder will, wird es schwierig bis unmöglich, ein „gesundes Mittelmaß“ zu finden. Ich muss mich eindeutig positionieren. Bin ich für oder gegen Tötung? Für oder gegen sexualisierte Ausbeutung? Für oder gegen Gewalt?

Mir fällt es einfach schwer, die Tötung anderer, ob menschlich oder nichtmenschlich, einerseits schlecht und andererseits akzeptabel zu finden, oder zu behaupten, es sei irgendwie einerlei, denn beides könne aus moralischer Perspektive seine eigene Berechtigung haben.

Also positioniere ich mich klar, zumindest für mich selbst. Ich bin klar gegen Tötungen, gegen Benutzung der Körper anderer, gegen Gewalt, gegen Diskriminierung jeder Art. Da ich davon überzeugt bin, dass eine solche Haltung für alle Wesen einer Gemeinschaft vorteilhaft ist, bin ich bestrebt, andere von dieser Einstellung zu überzeugen. Nicht anders, als andere Menschen, die ihrerseits bemüht sind, ihre Überzeugungen anderen verständlich zu machen.

Aber was ist, wenn es nicht anders geht?

Hier begeben wir uns in den Bereich der Dilemmata und ab jetzt kann es holprig werden. Deshalb, und weil es sehr viele solcher Einwände gibt, will ich mir das für später aufheben. Nur so viel: Es gibt leicht zu lösende Dilemmata wie z.B. die Notwehr-Klausel, die Gewaltanwendung in bestimmten klar definierten Ausnahmefällen duldet, und nahezu unbeantwortbare, wie die Frage, ob es moralisch vertretbar gewesen wäre, am 9. September 2001 die Flugzeuge abzuschießen, als sie in den Luftraum über New York eindrangen.

Wer sich für solche Fragestellungen und die möglichen Antworten interessiert, dem sei Gary Franciones Buch „Eat Like You Care“ oder auf deutsch „Essen als Engagement“ empfohlen. Wer auch mit Englisch zurechtkommt, hat bestimmt Freude an Sherry Colbs „Mind if I order the Cheeseburger?“, das etwas milder und nachsichtiger auf die Leser*innen zugeht.

Eines steht aber für mich fest: Für einige der Fragestellungen haben wir bereits gute und sogar leicht durchführbare Lösungen. Diese sind und bleiben gültig, auch wenn andere Fragen noch nicht abschließend geklärt werden konnten.

Die Veganer*innen dieser Welt machen täglich vor, dass ein Leben ohne vorsätzlichen Konsum von Tierprodukten möglich ist, also gibt es schlicht keinen guten Grund, weiterhin Tiere zu benutzen und zu töten, um von ihnen oder aus ihnen Produkte herzustellen, oder sie anderweitig zu verwenden. Wir sollten das schleunigst beenden.

Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg‘ auch keinem andern zu.

In diesem Sinne: Leb vegan!