Tiere anbauen und ernten wie Pflanzen

Ihre Körper, ihre Leben. Wir nehmen, was uns nicht gehört. Es gibt keine gerechte, keine gute Art, anderen alles zu nehmen.

Hör auf, Opfer zu haben. Lebe vegan.

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Massentierhaltung

Photo by Jo-Anne McArthur, We Animals

 

Das Problem ist nicht die Massentierhaltung.

Das Problem ist, dass wir es für moralisch vertretbar halten, sentiente, also bewusste, fühlende Wesen anzubauen und zu ernten wie Pflanzen.

 

Witzl macht. Haha.

Kennst du das?

Du stehst an der Haltestelle und wartest auf den Bus, da fangen die Typen schräg hinter dir an, alte, fade, abgeschmackte Zoten zu reißen. Natürlich so, dass du’s mitkriegst. Am Klang ihrer Stimmen hörst du, wie sie einander zufeixend sich gegenseitig ihrer „Männlichkeit“ vergewissern. Bisschen Sexismus gefällig? Höhö. Geht immer. Höhö. Die da drüben soll sich nicht so haben. Versteht wohl keinen Spaß.

Innerlich verdrehst du die Augen gen Himmel. ‚Och nö‘, denkst du dir, ‚könnt ihr dummen, langweiligen Säcke uns Frauen echt nirgendwo mit euren unlustigen Vergewaltigungswitzen in Frieden lassen? Die werden auch in der 1000sten Wiederholung nicht komisch.‘ Aber es lohnt nicht, die Deppen zur Rede zu stellen. In der Gruppe schon gar nicht. Da fühlen sie sich stark. Lass gut sein. Es bleibt beim Augenverdrehen.

Dann kommt dir die eine der Stimmen bekannt vor. Du drehst dich um und erkennst tatsächlich einen Bekannten. Einen, den du bisher eigentlich für intelligent gehalten hast. Dem du zugetraut hast, dass er nachdenkt, bevor er das Maul aufmacht, und dass er sich nicht so einfach simplem Gruppendruck beugen würde. Tja. Schade. So kann mensch sich täuschen. Es gibt eben Themen, da machen sich sogar sonst angenehme, geschätzte Leute zu Vollpfosten. So schnell können Respekt und Sympathie den Bach runtergehen.

Kennst du das?

Na, dann verstehst du jetzt, wie es mir geht, wenn ich zum x-ten Mal dieselben dämlichen, langweiligen, tausendfach gehörten „Witzchen“ über Veganismus und Veganer*innen mitkriege. Wer an die Opfer denkt, kann das nicht lustig finden. Wer ihre Todesangst im Schlachthof gesehen hat, ihr vergebliches Rufen nach ihren gestohlenen Kindern gehört hat, kann darüber genauso herzhaft lachen wie Therapeut*innnen über die Tränen vergewaltigter Frauen. Nämlich gar nicht. Ist einfach nicht lustig. Das einzige, was durch solche faden, abgeschmackten Witzchen erreicht wird, ist, dass du umgehend jeglichen Respekt vor den Menschen verlierst, die mithilfe von Veganer-Witzchen auf billigste, aber todsichere Weise schenkelklopfende Zustimmung bei ihren Kumpels erheischen.

Es ist euch nicht klar, aber ihr „provoziert“ nicht. Ihr langweilt nur und entlarvt eure Abhängigkeit von der Zustimmung anderer. Genau wie Zoten reißende Hirnis, die sich gegenseitig ihr Männlichkeit zu versichern suchen, so versichert ihr euch gegenseitig eurer „Normalität“. Selbstredend seid ihr dabei in eurer vorhersehbaren, unoriginellen Einfallslosigkeit alle total individuell. Eh, klar.

Ach, komm. So billig. So ein Bart.

Warum denn gleich vegan?

Ist das nicht ein bisschen extrem?

Vegetarisch kann ich ja noch verstehen, aber vegaaaan?

Tja. Gute Fragen. Verständlich. Besonders in unserer Welt, in der die Nutzbarmachung nichtmenschlicher Tiere so verbreitet und so verinnerlicht ist, dass sie gar nicht mehr richtig wahrgenommen wird.

Wie kam es also dazu?

Bei einem Spaziergang unterhielt ich mich mit einem Bekannten, der erzählte, in einer Zeitung sei von Fehlern bei der sogenannten Betäubung im Schlachthof berichtet worden und dass eine nicht unbeträchtliche Zahl von Tieren ihre Weiterverarbeitung bei Bewusstsein durchleben müsse. Ich war sprachlos. Entsetzt. Er hat dann schnell das Thema gewechselt.

Zunächst konnte ich das nicht glauben. Wollte es nicht glauben. Es war doch alles gesetzlich geregelt, oder? Immerhin haben wir sogar ein Tierschutzgesetz. Da gibt es doch Aufsichtspersonal, nicht wahr? Doch noch während ich dies dachte, war mir klar, dass es wahr sein musste. Wo Menschen arbeiten, machen sie ab und zu Fehler und je schneller sie arbeiten müssen, desto mehr Fehler passieren. Wenn Fleisch als preiswertes und sogar billiges Konsumprodukt zur Verfügung stehen soll, muss es nicht nur schnell, sondern verdammt schnell gehen. Ich begann zu recherchieren. Die Nacht vom 10. auf den 11. Mai 2010 war eine Nacht des Grauens. Ich fand deutlich mehr heraus, als ich zu diesem Zeitpunkt verkraften konnte, sah mehr, als ich jemals sehen wollte und sich mir leider für immer eingebrannt hat. Am Morgen des 11. Mai war mir klar, dass ich nicht nur vegan leben wollte, sondern musste.

Dieser Entschluss war eine Impulsreaktion, eine reine Bauchentscheidung, wie es oft genannt wird. Ich war tränenüberströmt und zutiefst schockiert. Anfangs bestand mein Veganismus nur aus Mitgefühl und Wut. Mein Schlachtruf war damals und ist es bis heute geblieben: „Die bekommen mein Geld nicht mehr!“

Dann wurde mir immer öfter vorgeworfen, ich sei zu emotional, könne nicht klar denken, vermenschliche die Tiere, sei mithin nicht ernst zu nehmen. Also begann ich zu lesen und lernte mehr über die Tierrechtsbewegung. Tom Regan, Gary Francione, Hilal Sezgin. Ein paar Mal habe ich mich verirrt, Seiten und Überzeugungen gut gefunden, die ich heute komplett ablehne, aber das gehört wohl auch dazu. Menschen sind fehlbar. Mittlerweile habe ich mir zusätzlich zum rein gefühlsmäßigen Grund auch eine verstandesmäßiges Motivation angeeignet.

Eine Zeitlang argumentierte ich nur noch auf dieser verstandesmäßigen Ebene, wollte nicht als subjektiv und unsachlich erscheinen. Doch inzwischen bin ich der Meinung, dass tatsächlich beides dazu gehört. Gefühl und Verstand.

Aber warum nicht vegetarisch?

Eigentlich ganz einfach: Weil ich inzwischen weiß, welche Praktiken notwendig sind, damit Milchprodukte und Eier auf den Tisch kommen und ich diese Praktiken aus tiefer Überzeugung ablehne. Diese Ablehnung hat eine emotionale und eine rationale Komponente.

Ich habe Mitgefühl mit Müttern, die sich durch eine Geburt quälen und dann ihr Kind nicht behalten dürfen. Ich habe Mitgefühl mit Kindern, die sich vergeblich nach der Wärme und dem Schutz ihrer Mutter sehnen. Ich habe Mitgefühl mit Hühnern, die nahezu täglich ein Ei legen müssen, was auch für sie mit Schmerzen verbunden ist und ihre Körper in kurzer Zeit ausmergelt. Ich habe Mitgefühl mit den Brüdern und Eltern der Eierlegehühner und der als Milchmaschinen missbrauchten Wesen. Ich habe Mitgefühl mit diesen Wesen, die vom ersten bis zum letzten Atemzug nur als Produkte oder Produktionseinheiten gesehen werden, die sich bezahlt machen müssen. Ich finde das ungerecht. Beschämend. Empörend.

Rational sehe ich empfindungsfähige Wesen, die ihre Umwelt bewusst wahrnehmen, die eigene Interessen und Bedürfnisse haben, die jedoch den eigennützigen Zwecken einer anderen Spezies komplett unterworfen werden. Ich sehe Lebewesen, die meiner Meinung nach ein moralisches Recht auf ihren Körper und ihr Leben haben, ganz einfach deswegen, weil es ihre Körper und ihre Leben sind, nicht unsere. So, wie mein Körper nicht dir gehört, und dein Körper nicht mir, so gehören ihre Körper nicht uns. Ich sehe, dass die menschliche Spezies ihre trivialen, also nicht lebensnotwendigen, Wünsche über die existenziellen, also die Existenz sichernden, Interessen anderer stellt. Nicht etwa aus Notwendigkeit, sondern nur deswegen, weil sie es kann. Die totale Unterwerfung Wehrloser unter die Macht des Stärkeren. Das verträgt sich nicht mit meiner humanistisch begründeten Einstellung, dass gleichrangige Interessen gleich zu berücksichtigen sind. Die wichtigeren, also die existenziellen Interessen, sollten gegenüber weniger wichtigen,  auch anderweitig erfüllbaren Wünschen immer Vorrang haben.

Mir kommt das wie eine Religion vor

Das liegt wahrscheinlich daran, dass es sich beim Veganismus, ähnlich wie bei einer Religion, um eine sinn- und identitätsstiftende Weltanschauung, eine Lebensphilosophie, handelt.

Ich teile mein Leben tatsächlich in ein Davor und ein Danach ein. Vorher war ich unwissend, jetzt weiß ich mehr als mir lieb ist. Vorher habe ich mich nichtsahnend (oder vielleicht besser: nichts ahnen wollend) an Tierquälerei beteiligt, nun versuche ich das, soweit es geht, zu vermeiden, wohl wissend, dass in einer Gesellschaft wie der unseren leider eine vollständige Vermeidung unmöglich ist, was mich manchmal sehr belastet.

Veganer*innen kommen nicht selten daher und hören sich an wie wiedergeborene Christen. Vom Erwachen wird gesprochen, von einer umwälzenden Erkenntnis, vom neuen Leben, der endlich gefundenen Wahrheit. Alles Floskeln, die wir von Kirchen und Sekten kennen. Das alles haben wir auch schon von mild-durchgeistigt lächelnden Menschen gehört, die vermeintlich Gott gefunden haben und ihr Leben, genau wie ich in ein vorher und ein nachher einteilen. Als so groß wird der Bruch zwischen altem und neuem Leben empfunden. Klar, dass da der Verdacht nahe liegt, es handele sich nur um eine weitere Sekte.

Leider fällt mir das mild-durchgeistigte Lächeln oft schwer. Statt dessen bin ich nicht selten beinahe überwältigt von Gefühlen der Trauer, der Scham, des Zorns, der Frustration, die manchmal drohen, mich in innere Aufgabe, Apathie und Zynismus zu stürzen.

Warum Veganismus trotzdem keine Religion ist? Weil es keine Priester*innen gibt, keine steinalten „heiligen“ Bücher, keine Rituale, keine Androhung ewiger Höllenqualen, keine Versprechungen ewigen Friedens und vor allem wird nicht auf ein Leben nach dem Tod geschielt. Es geht im Hier und Jetzt um real leidende Lebewesen, die aus der menschlichen Knechtschaft entlassen werden müssen und zwar schnellstens. Es geht nicht darum, ein höheres Wesen zu besänftigen, um sich dadurch Meriten zu verdienen, es geht um andere, denen dringend geholfen werden muss. Es geht nicht um mein Seelenheil, sondern um das körperliche und seelische Wohlergehen Wehrloser, die sich nicht selbst helfen können.

Bei euch ist alles immer so schwarz-weiß

Veganer*innen teilen manchmal die Welt in Veganer*innen und Nichtveganer*innen ein. In Menschen, die Nutznießer der allgemein üblichen Tierbenutzung sind, entweder als Konsument*innen oder als Produzent*innen, und in solche, die sich weigern, daran teilzuhaben. Ganz genau so, wie religiöse Menschen die Welt in Christen und Nicht-Christen einteilen, oder in Muslime und Nicht-Muslime. Das klingt nach Schwarz-Weiß-Denken, nach unerbittlicher Kompromisslosigkeit, nach Unausgewogenheit, nach Übertreibung, kurz, nach Maßlosigkeit. Und das ist alles immer schlecht, nicht wahr?

Doch ist es das wirklich? Immer? In jeder nur denkbaren Situation? Oder gibt es nicht auch gesellschaftliche Übereinkünfte, die genauso schwarz-weiß und kompromisslos daher kommen?

Ein Satz wie „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ klingt reichlich kompromisslos. Die absolute Verdammung von Mord wirkt ganz schön schwarz-weiß. Das mag daran liegen, dass die Zustände Leben und Nicht-Leben tatsächlich binär, also schwarz-weiß sind. Andere solche binären Zustände sind frei/unfrei, verletzt/unverletzt und so weiter. Wenn es um Situationen geht, in denen ich Stellung zu solchen binären Situationen beziehen muss oder will, wird es schwierig bis unmöglich, ein „gesundes Mittelmaß“ zu finden. Ich muss mich eindeutig positionieren. Bin ich für oder gegen Tötung? Für oder gegen sexualisierte Ausbeutung? Für oder gegen Gewalt?

Mir fällt es einfach schwer, die Tötung anderer, ob menschlich oder nichtmenschlich, einerseits schlecht und andererseits akzeptabel zu finden, oder zu behaupten, es sei irgendwie einerlei, denn beides könne aus moralischer Perspektive seine eigene Berechtigung haben.

Also positioniere ich mich klar, zumindest für mich selbst. Ich bin klar gegen Tötungen, gegen Benutzung der Körper anderer, gegen Gewalt, gegen Diskriminierung jeder Art. Da ich davon überzeugt bin, dass eine solche Haltung für alle Wesen einer Gemeinschaft vorteilhaft ist, bin ich bestrebt, andere von dieser Einstellung zu überzeugen. Nicht anders, als andere Menschen, die ihrerseits bemüht sind, ihre Überzeugungen anderen verständlich zu machen.

Aber was ist, wenn es nicht anders geht?

Hier begeben wir uns in den Bereich der Dilemmata und ab jetzt kann es holprig werden. Deshalb, und weil es sehr viele solcher Einwände gibt, will ich mir das für später aufheben. Nur so viel: Es gibt leicht zu lösende Dilemmata wie z.B. die Notwehr-Klausel, die Gewaltanwendung in bestimmten klar definierten Ausnahmefällen duldet, und nahezu unbeantwortbare, wie die Frage, ob es moralisch vertretbar gewesen wäre, am 9. September 2001 die Flugzeuge abzuschießen, als sie in den Luftraum über New York eindrangen.

Wer sich für solche Fragestellungen und die möglichen Antworten interessiert, dem sei Gary Franciones Buch „Eat Like You Care“ oder auf deutsch „Essen als Engagement“ empfohlen. Wer auch mit Englisch zurechtkommt, hat bestimmt Freude an Sherry Colbs „Mind if I order the Cheeseburger?“, das etwas milder und nachsichtiger auf die Leser*innen zugeht.

Eines steht aber für mich fest: Für einige der Fragestellungen haben wir bereits gute und sogar leicht durchführbare Lösungen. Diese sind und bleiben gültig, auch wenn andere Fragen noch nicht abschließend geklärt werden konnten.

Die Veganer*innen dieser Welt machen täglich vor, dass ein Leben ohne vorsätzlichen Konsum von Tierprodukten möglich ist, also gibt es schlicht keinen guten Grund, weiterhin Tiere zu benutzen und zu töten, um von ihnen oder aus ihnen Produkte herzustellen, oder sie anderweitig zu verwenden. Wir sollten das schleunigst beenden.

Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg‘ auch keinem andern zu.

In diesem Sinne: Leb vegan!

 

Die sechs Prinzipen des abolitionistischen Ansatzes zu Tierrechten

Prinzip 1 – Das grundlegende Recht, nicht Eigentum zu sein
Prinzip 2 – Abschaffung der Tierausbeutung, nicht nur Reformierung
Prinzip 3 – Veganismus ist die moralische Basislinie
Prinzip 4 – Empfindungsfähigkeit ist das Kriterium
Prinzip 5 – Ablehnung aller Diskriminierungsformen
Prinzip 6 – Gewaltfreiheit

Dies ist eine Übersetzung der → Six Principles of the Abolitionist Approach to Animal Rights von Gary L. Francione.

Prinzip Eins

Abolitionist*innen vertreten den Standpunkt, dass alle sentienten (bewussten, empfindungsfähigen) Wesen, ob menschlich oder nichtmenschlich, mindestens dieses eine Recht haben: nämlich das grundlegende Recht, nicht als Eigentum anderer gesehen zu werden.

Erläuterung

Tiere sind als Eigentum eingestuft und werden lediglich als Ressource für Menschen benutzt. Obwohl wir behaupten, Tieren moralischen Wert zuzugestehen und sie nicht nur als Objekte zu sehen, bedeutet ihr rechtlicher Status als Eigentum, dass sie tatsächlich keinen eigenen moralischen Wert besitzen, sondern lediglich wirtschaftlichen Wert. Wir begreifen sehr wohl, dass es widersprüchlich wäre, Menschen einerseits als Mitglieder der moralischen Gemeinschaft anzuerkennen, sie andererseits aber gleichzeitig als Eigentum zu sehen. Wir erachten es als fundamentales Prinzip, dass allen Menschen, ungeachtet ihrer jeweiligen Eigenschaften, mindestens dieses eine grundlegende, moralische Recht, nicht jemandes Eigentum zu sein, zugestanden werden muss. Auf diesem Prinzip fusst die allgemeine Ächtung menschlicher Sklaverei. Der Besitzstatus der Tiere bedeutet hingegen, dass sie tatsächlich nur als Dinge betrachtet werden, auch wenn wir das Gegenteil behaupten. Es gibt keine Art und Weise, Menschen von Nichtmenschen zu unterscheiden, die es rechtfertigen würde, sentienten Nichtmenschen dieses Recht, das wir allen Menschen gleichermaßen zugestehen, vorzuenthalten. Wir müssen uns bewusst machen, dass alle sentienten Wesen in dieser Hinsicht gleichgestellt sind, dass sie nicht ausschließlich als menschliche Ressource benutzt werden dürfen. Der Abolitionistische Ansatz vertritt die Ansicht, dass jegliche Benutzung von Tieren – unabhängig davon, wie „artgerecht“ oder „human“ es dabei zugeht – moralisch nicht gerechtfertigt werden kann.

Prinzip Zwei

Abolitionist*innen vertreten den Standpunkt, dass unser Anerkennen dieses einen fundamentalen Rechtes bedeutet, dass wir die Tierausbeutung vollständig abschaffen müssen und nicht einfach nur die institutionalisierte Tierausbeutung regulieren sollten, und dass Abolitionist*innen sich nicht für sogenannte Tierwohl-Reformen (Welfarismus) oder Einzel-Aspekt-Kampagnen (Single-Issue Campaigns) einsetzen sollten.

Erläuterung

Das Anerkennen des Rechts von Tieren nicht als Eigentum benutzt zu werden, macht es erforderlich, dass wir jegliche institutionalisierte Ausbeutung nichtmenschlicher Tiere abschaffen und sie nicht etwa nur regulieren oder reformieren, um sie „humaner“ oder „artgerechter“ zu machen. Abolitionist*innen lehnen Tierwohl-Kampagnen ab. Ebenso  lehnen sie Einzel-Aspekt-Kampagnen ab, eine spezielle Sorte Reformierungs-Kampagnen, die bestimmte Arten der Tierausbeutung als wesentlich unterschiedlich von und schlimmer als andere, scheinbar eher akzeptable Arten, darstellen. Tatsächlich aber fördern beide, Regulierungs- und Einzel-Aspekt-Kampagnen, eher die Tierausbeutung und resultieren in Partnerschaften zwischen angeblichen Tierrechtlern und institutionalisierten Ausbeutern.

Prinzip Drei

Abolitionist*innen vertreten den Standpunkt, dass Veganismus die moralische Basislinie ist und dass kreative, gewaltfreie, vegane Aufklärung der Eckpunkt vernünftiger Tierrechtsarbeit ist.

Erläuterung

Abolitionist*innen verinnerlichen den Gedanken, dass es nur entweder Veganismus oder Tierausbeutung gibt, und dass es keine dritte Wahlmöglichkeit gibt. Nicht vegan zu leben, bedeutet, sich direkt an Tierausbeutung zu beteiligen. Abolitionist*innen vertreteten den Veganismus als moralische Basislinie, bzw. als moralischen Imperativ und als die einzige vernünftige Reaktion auf die Erkenntnis, dass Tiere moralisch von Belang sind, dass sie moralischen Wert besitzen. Wenn Tiere moralisch von Bedeutung sind, dann können wir sie nicht wie Waren behandeln, sie nicht essen, tragen oder benutzen. Genauso wenig wie diejenigen, die sich für die Abschaffung der Sklaverei stark machen, Sklaven besitzen könnten, so wenig können Abolitionist*innen von Tieren gewonnene Produkte konsumieren. Für Abolitionist*innen ist Veganismus eine Angelegenheit grundlegender Gerechtigkeit. Da der Abolitionistische Ansatz eine Bewegung von der gesellschaftlichen Basis her ist (Graswurzelbewegung) die Veganismus als grundlegendes Prinzip angewandter Gerechtigkeit vorantreibt, bedarf es keiner großen, reichen Wohltätigkeitsorganisationen und „Anführer“. In dieser Grassroots-Bewegung können und müssen wir alle täglich zu Anführer*innen werden.

Prinzip Vier

Der Abolitionistische Ansatz verknüpft den moralischen Status von Nichtmenschen mit der bewussten Empfindungsfähigkeit (sentient) und keinem anderen kognitiven Charakteristikum. Alle sentienten Wesen sind gleichwertig hinsichtlich der Zwecksetzung, nicht ausschließlich als Ressource benutzt zu werden.

Erläuterung

Bewusste Empfindungsfähigkeit ist subjektive Wahrnehmungsfähigkeit. Da ist jemand, die/der die Welt wahrnimmt und erlebt. Ein sentientes Wesen hat Interessen, also Vorlieben, Wünsche, Begierden. Wenn ein Wesen sentient ist, dann ist das das allein notwendige und ausreichende Charakteristikum, damit dieses Wesen das Recht hat, nicht als Mittel für menschliche Zwecke benutzt zu werden. Das Anerkennen dieses Rechts erlegt Menschen die moralische Verpflichtung auf, dieses Wesen nicht als Ressource zu benutzen. Es ist nicht erforderlich, dass ein sentientes Wesen menschenähnliche kognitive Fähigkeiten besitzt, um das Recht, nicht als Eigentum benutzt zu werden, innezuhaben.

Prinzip Fünf

Abolitionist*innen lehnen jegliche Formen menschlicher Diskriminierung, einschließlich Rassismus, Sexismus, Heterosexismus, Ageismus (Diskriminierung aufgrund des Alters), Ableismus (Diskriminierung aufgrund der Fähigkeiten), Klassismus genauso ab, wie sie Speziesismus ablehnen.

Erläuterung

Der Abolitionistische Ansatz zu Tierrechten lehnt Speziesismus ab, da er, so wie Rassismus, Sexismus, Heterosexismus und andere Formen menschlicher Diskriminierung, ein moralisch irrelevantes Kriterium (die Spezies) heranzieht, um die Interessen sentienter Wesen gering zu schätzen und abzuwerten. Jeder Widerstand gegen Speziesismus ergibt nur dann Sinn, wenn er Teil eines generellen Widerstands gegen alle Formen der Diskriminierung ist. Das bedeutet, dass wir den Speziesismus nicht bekämpfen können und gleichzeitig als Fürsprecher*innen für Tierrechte behaupten können, zu diesen anderen Formen der Diskriminierung keine klare Stellung beziehen zu können. Wir können nicht einfordern, dass die Spezies als moralisch unzulässiges Kriterium der Geringschätzung und Herabwürdigung der Interessen nichtmenschlicher Wesen gelten muss, aber gleichzeitig keine Stellung dazu beziehen, ob Rasse, Geschlecht, sexuelle Orientierung oder Vorlieben als moralisch verwerfliche Kriterien gelten, wenn sie herangezogen werden, um menschliche Interessen gering zu schätzen oder herab zu würdigen. Unser Widerstand gegen Speziesmus erfordert, dass wir alle Formen der Diskriminierung bekämpfen.

Prinzip Sechs

Abolitionist*innen erkennen das Prinzip der Gewaltfreiheit als grundlegendes Prinzip der Tierrechtsbewegung an.

Erläuterung

Der Abolitionistische Ansatz propagiert Gewaltfreiheit, da er die Tierrechtsbewegung als Fortsetzung der Friedensbewegung sieht, die einfach nur die Anliegen der nichtmenschlichen Tiere mit einschließt. Darüberhinaus gilt es zu bedenken, dass die meisten Menschen in irgendeiner Form Tierausbeutung betreiben und es deshalb keine eindeutige Weise gibt, Ausbeuter auf solche Weise identifizieren zu können, dass Gewaltanwendung gerechtfertigt werden könnte. Da die Tierausbeutung so allgegenwärtig verbreitet ist, würde Gewalt letztendlich nur als eine pathologische Reaktion auf etwas gesehen werden, das gemeinhin als völlig normal erachtet wird. Als einzige reelle Möglichkeit bleibt nur, auf individueller Ebene den Veganismus als moralische Basislinie zu akzeptieren, und auf der sozialen Ebene kreative, gewaltfreie Aufklärungsarbeit aus der abolitionistischen Perspektive zu betreiben.

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Ein Hinweis: Um den abolitionistischen Ansatz zu Tierrechten zu akzeptieren, ist es nicht nötig spirituell oder religiös oder atheistisch zu sein. Du kannst alles sein, ob spirituelle oder religiöse Person, du kannst Atheist sein, oder irgendetwas dazwischen. Es ist unerheblich.

Erheblich ist nur:

(1) dass du Tiere moralisch berücksichtigen und dich ihnen gegenüber richtig verhalten willst. Diese moralische Berücksichtigung kann ihren Ursprung in jeder Quelle haben, ob spirituell oder nicht, und

(2) dass du die logischen Argumente als gültig anerkennst, wonach unsere moralische Berücksichtigung nicht auf einige wenige nichtmenschliche Wesen beschränkt sein sollte, sondern auf alle sentienten Wesen ausgeweitet werden muss und dass wir die Tierausbeutung abschaffen, nicht regulieren, müssen.

Gary L. Francione
Anna Charlton

Niemandes Eigentum

Wie würde es dir gefallen, jemandes Eigentum zu sein?

Wenn du nicht entscheiden könntest, was du wann machst, wohin du gehst, was du isst, was du trinkst, wann du ruhst. Wenn du nicht entscheiden dürftest, ob und mit wem du Kinder bekommst, wie lange du sie behalten, dich um sie kümmern und sie erziehen kannst. Wenn jemand anderes das Recht hätte, zu entscheiden, wann du stirbst und auf welche Weise.

Würde dir das gefallen? – Mir jedenfalls nicht.

Ich bin davon überzeugt, dass es keinem empfindungsfähigen, bewussten, also sentienten Lebewesen gefallen würde, Eigentum zu sein. Auch dann nicht, wenn sie es nicht in menschlicher Sprache ausdrücken können.

„Alle sentienten (bewussten, empfindungsfähigen) Wesen, ob menschlich oder nichtmenschlich, haben mindestens dieses eine moralische Recht: das grundlegende Recht, nicht als Eigentum anderer gesehen zu werden.“

Gary L. Francione,
Abolitionist Approach, Principle 1